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Video-Filmkritik: „Winter's Tale“
Wenn die beste Rolle das Pferd spielt, steckt ein Film normalerweise in Schwierigkeiten. In der von Akiva Goldsman mit dem Mutwillen einer tollwütigen Naschkatze bravourös aus dicksten Effektpralinen und Kullertränen zusammengerührten Verfilmung des schwer schmalzigen Fantasy-Romanklassikers „Winter’s Tale“ von Mark Helprin aus dem Jahr 1983 heißt der fragliche Hengst die meiste Zeit über schlicht „Horse“. Das Tier kann den Hofknicks, rettet gern Frauen vor dem Erdolcht- oder Erschossenwerden und hat eine noch schönere Frisur als Colin Farrell, dem man den Nacken und die Ohrengegend so manierlich ausrasiert hat, dass seine dunklen Strähnen ihm vor die Visionen fallen, als stünde er ständig im wilden Schicksalswind.
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Federleichte Schönheit: Jessica Brown Findlay als Beverly Penn und Colin Farrell als Peter Lake in „Winter´s Tale“
Guter Geist kommt zur rechten Zeit
Am entscheidenden Kreuzweg der Story angelangt, stellt Farrell als Held Peter Lake eine kluge Frage: Was ist dümmer, ein Pferd, das seinem Herrn nicht gehorcht, oder ein Herr, der dafür auf sein Pferd hört? Die Antwort wird nicht ausgesprochen. Sie hängt aber bestimmt damit zusammen, dass dieses Pferd eigentlich ein verzauberter Hund beziehungsweise ein mythischer Seelenkundschafter aus einem Zoo allwissender Totemtiere ist, über den unter seinem wahren Namen Athansor im Buch allerhand Haarsträubendes zu lesen steht. Das wird im Kino nur angedeutet, denn die wunderliche Schwarte, der Goldsman Stoff und Handlung entnahm, hat fast achthundert Seiten, weshalb ein paar Kürzungen sich nicht umgehen ließen.
Das Wesentliche: Im New York der Belle Époque wächst vor rund hundert Jahren ein von seinen Eltern per Modellschiffchen ausgesetztes Findelkind mit mechanischen und diebischen Talenten zur Hilfskraft eines Dämons heran, dem es schließlich den Dienst verweigert. Der Dämon lässt den jungen Mann jagen, um ihn für seine Treulosigkeit zu bestrafen. Auf der Flucht begegnet dem Gehetzten das besagte Pferd beziehungsweise der erwähnte Hund respektive sein guter Geist. Der führt ihn zum Haus eines gründerzeitlichen Pressemoguls, dessen tuberkulosekranke Tochter sich in den Einbrecher verliebt. Dafür tut ihr der Dämon, der den Räuber hasst, ein Leid an. Dann lässt er den Abtrünnigen in eine Bucht werfen.
Himmlische und höllische Geheimnisse
Der aber überlebt den Sturz und ist fortan unsterblich, verliert freilich bis in unsere Tage sein Gedächtnis. Endlich jedoch geht ihm auf, weshalb er überhaupt lebt: Es hat mit einem schwerkranken kleinen Mädchen des Jahres 2014 und himmlischen wie höllischen Geheimnissen zu tun, in denen sich selbst der Teufel nicht mehr zurechtfindet. Den Teufel spielt übrigens der ehemalige Sonnenprinz Will Smith, mit protzigem Ohrschmuck, Jimi-Hendrix-T-Shirt und exquisit zweideutigen Manierismen. Man glaubt diesem lässigen Luzifer schier alles, was er zischt oder näselt, sogar, dass er seine Laufburschen ungern in aussichtslosen Gefechten verheizt, denn „man gewöhnt sich an die Leute“.
„Winter’s Tale“ lebt als Roman von Helprins verblüffend melodischer Zungenfertigkeit beim Beschwören einer schwärmerisch behaupteten Jenseitsverankerung noch der trivialsten Menschenalltäglichkeiten, von der plötzlichen Einsamkeit am Rand einer Party bis zur Messerstecherei im Gaunermilieu.
Bissiger Gegner der Internetkultur
Helprin ist nicht irgendwer und auch kein Dutzendschmökerkasper, sondern seit Jahrzehnten zum Beispiel beim „New Yorker“ gerngesehener Autor, mehrfach preisgekrönter Romancier und bissiger Gegner der Internetkultur, der das gesetzliche Urheberrecht gern deutlich erweitert statt ausgedünnt sähe. „Winter’s Tale“ ist sein Hauptwerk, eine Art Summe amerikanischer Fertigteilmythologien, als Roman auch in seiner Sprachpracht ein Gegenstück zu religiösen und parareligiösen Texten oder den Werken rhetorisch begabter libertärer Esoteriker - jeder Mechaniker in diesem Buch ist ein episkopalischer Priester, jeder spanische Eisenbeschlag an einem alten Fenster wird beschrieben, als handle es sich um die Zauberstickerei einer menschenfressenden Hexe.